Schaltschrankbau – Aufbau, Planung, Normen und technische Auslegung

Diese Fachseite richtet sich an Konstrukteure, Projektleiter, Elektroplaner und technische Einkäufer.
Sie erläutert Aufbau, normative Anforderungen, Auslegungskriterien und Prüfverfahren im industriellen Schaltschrankbau.

Begriffsdefinition und Abgrenzung

Schaltschrank

Ein Schaltschrank ist eine geschlossene Niederspannungs-Schaltgerätekombination zur Aufnahme von:

  • Schalt- und Schutzgeräten
  • Steuer- und Automatisierungskomponenten
  • Energieverteilungselementen
  • Kommunikationsmodulen

Er dient dem Schutz von Personen, Betriebsmitteln und Anlagen.

Schaltanlage

Eine Schaltanlage kann aus mehreren Schaltschränken bestehen und bildet eine funktionale Einheit zur Energieverteilung oder Prozesssteuerung.

Normative Grundlage:
DIN EN 61439

Technischer Aufbau eines Schaltschranks

Ein industrieller Schaltschrank ist in der Regel in mehrere funktionale Bereiche gegliedert. Diese Struktur erleichtert Planung, Verdrahtung, Wartung und Fehlersuche.

Typische Baugruppen sind:

Leistungsteil

  • Leistungsschalter
  • Motorschutzschalter
  • Frequenzumrichter
  • Netzfilter
  • Leistungsrelais

Hier fließen höhere Ströme und Leistungen.

Steuerungsteil

  • SPS-Steuerungen
  • Relaisbaugruppen
  • I/O-Module
  • Sicherheitssteuerungen

Diese Komponenten verarbeiten Signale und Steuerfunktionen.

Kommunikations- und Bussysteme

  • Feldbusmodule
  • Ethernet-Switches
  • Gateway- oder Kommunikationsmodule

Sie verbinden Maschinensteuerung, Sensorik und übergeordnete Systeme.

Klemmleisten und Anschlusszonen

  • Einspeiseklemmen
  • Signalklemmen
  • Sensor-/Aktorklemmen

Sie bilden die Schnittstelle zwischen Schaltschrank und Feldverdrahtung.

Die klare Trennung dieser Funktionsbereiche verbessert Übersichtlichkeit, EMV-Verhalten und Wartbarkeit.Ein industrieller Schaltschrank ist in der Regel in mehrere funktionale Bereiche gegliedert. Diese Struktur erleichtert Planung, Verdrahtung, Wartung und Fehlersuche.

Thermische Auslegung

Elektrische Komponenten erzeugen Verlustwärme. Eine unzureichende Wärmeabfuhr kann zu erhöhten Temperaturen und damit zu verkürzter Lebensdauer oder Ausfällen führen.

Bei der Planung eines Schaltschranks müssen daher mehrere Faktoren berücksichtigt werden:

  • Verlustleistung der eingebauten Geräte
  • Schaltschrankvolumen
  • Umgebungstemperatur
  • Einbaulage und Luftführung
  • Kühlkonzepte (passive Lüftung, Filterlüfter, Wärmetauscher oder Klimageräte)

Die thermische Auslegung wird häufig auf Basis der in DIN EN 61439 beschriebenen Anforderungen durchgeführt.

Nach DIN EN 61439 gelten Grenzwerte für:

  • Sammelschienen
  • Klemmen
  • isolierte Leiter
  • Gehäuseoberflächen

Eine korrekt ausgelegte Wärmeabfuhr erhöht die Betriebssicherheit und verhindert Überhitzung von Steuerungs- und Leistungskomponenten.

 

Verdrahtungsstruktur im Schaltschrank

Die interne Verdrahtung verbindet alle elektrischen Komponenten miteinander und stellt die funktionale Struktur des Systems her.

Typische Verdrahtungsarten sind:

  • Steuerverdrahtung zwischen SPS, Relais und Sensorik
  • Leistungsverdrahtung zwischen Einspeisung, Schaltgeräten und Verbrauchern
  • Kommunikationsleitungen für Feldbus- oder Ethernet-Systeme

In modernen Anlagen werden häufig vorkonfektionierte Kabelsätze oder beschriftete Einzeladern eingesetzt. Sie reduzieren Verdrahtungsfehler und beschleunigen die Montage.

Weitere technische Hintergründe zu Leitungsaufbau und Kontaktierung finden Sie im Bereich:

Kabelkonfektion

Typische Fehler im Schaltschrankbau

Fehler in Planung oder Aufbau können die Betriebssicherheit eines Schaltschranks erheblich beeinträchtigen.

Typische Probleme sind:

  • unzureichende thermische Auslegung
  • zu geringe Luft- und Kriechstrecken
  • fehlende EMV-Trennung zwischen Leistung und Steuerung
  • unklare Verdrahtungsstruktur
  • unzureichende Dokumentation

Eine strukturierte Planung sowie normgerechte Prüfung nach DIN EN 61439 und DIN EN 60204-1 reduziert diese Risiken erheblich.

DIN EN 61439 – Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen

Relevante Anforderungen:

  • Kurzschlussfestigkeit (Icw, Icc)
  • Erwärmungsgrenzen
  • Luft- und Kriechstrecken
  • Schutzarten (IP-Klassifizierung)
  • Mechanische Festigkeit
  • Elektrische Sicherheit

Die Norm unterscheidet zwischen:

  • Typgeprüfter Kombination (TTA – historisch)
  • Teilweise typgeprüfter Kombination (PTTA – historisch)
  • Heute: Nachweis durch Design Verification

DIN EN 60204-1 – Elektrische Ausrüstung von Maschinen

Relevante Aspekte:

  • Schutzmaßnahmen gegen elektrischen Schlag
  • Not-Halt-Konzepte
  • Leiterkennzeichnung
  • Potentialausgleich
  • EMV-Grundsätze

UL 508A (Export USA)

  • SCCR-Berechnung (Short Circuit Current Rating)
  • Komponentenfreigabe
  • Markierungspflichten
  • Feldabnahme

Kurzschluss- und Schutzkonzept

Kurzschlussfestigkeit

Der Schaltschrank muss mechanisch und elektrisch so ausgelegt sein, dass er einem möglichen Kurzschluss standhält, ohne unzulässige Schäden zu verursachen.

Zu berücksichtigen sind:

  • Bemessungsstrom
  • maximaler Kurzschlussstrom am Einspeisepunkt
  • Schutzgeräte mit ausreichendem Ausschaltvermögen

Selektivität

Selektivität bedeutet:

Im Fehlerfall wird nur der betroffene Stromkreis abgeschaltet – nicht die gesamte Anlage.

Dies ist entscheidend für:

  • Produktionssicherheit
  • Anlagenverfügbarkeit
  • Reduzierung von Stillstandskosten

EMV-gerechter Aufbau

Elektromagnetische Verträglichkeit erfordert:

  • Trennung von Leistungs- und Steuerleitungen
  • 360°-Schirmanbindung
  • Potenzialausgleich
  • Minimierung von Schleifenflächen

Typische Fehlerquellen:

  • Unzureichende Schirmauflage
  • Parallele Führung von Leistung und Signal
  • Fehlende Erdungsstruktur

Mechanische Konstruktion

Schutzart (IP)

IP-Klassifizierung nach EN 60529:

  • IP20 → Innenbereich
  • IP54 → Industrieumgebung
  • IP65 → Staub- und Strahlwasserschutz

Luft- und Kriechstrecken

Abhängig von:

  • Verschmutzungsgrad
  • Überspannungskategorie
  • Nennspannung

Prüfverfahren

Sichtprüfung

  • Aufbau gemäß Plan
  • Leiterkennzeichnung
  • mechanische Befestigung

Elektrische Prüfung

  • Durchgangsprüfung
  • Schutzleiterwiderstand
  • Isolationsmessung
  • Spannungsprüfung

Funktionsprüfung

  • Signaltest
  • Sicherheitskette
  • SPS-Simulation

Lebensdauer & Zuverlässigkeit

Ein technisch korrekt ausgelegter Schaltschrank berücksichtigt:

  • thermische Alterung
  • Vibrationsbelastung
  • Wartungszugänglichkeit
  • Austauschbarkeit von Komponenten

MTBF-Betrachtungen sind insbesondere bei Serienfertigung relevant.

Kontakt

Wenn Sie Fragen zu Planung, Aufbau oder Auslegung von Schaltschränken haben, unterstützen wir Sie gerne.

Bei konkreten Projekten im Schaltschrankbau beschleunigen vorhandene Unterlagen die technische Abstimmung erheblich. Hilfreich sind beispielsweise:

  • Stromlaufpläne oder ePLAN-Projekte
  • Stücklisten der elektrischen Komponenten
  • Aufbau- oder Montagezeichnungen
  • Angaben zu Einspeisung, Leistung und Schutzkonzept
  • Informationen zur Anlage oder Maschine

Auf dieser Basis lassen sich Schaltschrankaufbau, Verdrahtung und Prüfkonzepte frühzeitig abstimmen.

Weitere Informationen zu unseren Leistungen finden Sie hier:

Schaltschrankbau – Planung, Fertigung und Montage

Geschäftsbereich Schaltschrankbau

E-Mail: Schaltschrankbau(at)artec-systems.de

Lerchenfeld 11
D-91459 Markt Erlbach
Tel.: +49 9106 / 92491 - 0